Wie entsteht ein Stück der Äh-Werker?
Die analytische Betrachtung eines Phänomens von Ulf Sowa
Einführung
Ein Wesenszug der Äh-Werker-Programme ist, dass alle aufgeführten Stücke von den Mitgliedern der Gruppe vollständig selbst geschrieben, bearbeitet und inszeniert werden. Von unseren Besuchern wurde oft die Frage gestellt, wie denn der Entwicklungsgang eines Kabarettstückes von der Idee bis zur Aufführung verstanden werden kann.
Die nachfolgende Betrachtung soll daher einen kurzen und weitestmöglich strukturierten Einblick in die Entstehung unserer Stücke geben. Jedoch muss bereits vorab einschränkend gesagt werden, dass Abweichungen von dem hier beschriebenen Ideal eher die Regel als die Ausnahme sind.
1. Die Idee
Die Idee ist das initiale Stadium eines Kabarettstückes. Die Genese der Idee ist noch nicht abschließend geklärt, aber man unterscheidet mit einem heuristischen Ansatz folgende Kategorien:
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Orthogenese: Entstehung der Idee im klassischen Sinne, d.h. durch “gedankliches Brüten”. Dieses erfolgt entweder a) gemeinschaftlich (“Was könnt mär denn heut’ amol machen…?”) oder b) singulär (“Ich hob mär gestern gedocht, mär könnt doch mol…).
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Autogenese: Entstehung der Idee aus sich selbst, oder vereinfacht ausgedrückt: Die Idee war eigentlich schon da, bevor sie entstanden ist (“Mia wollt’n doch scho immer mol a Stück über XYZ schreiben…”).
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Palingenese: Episodisch auftretende Wiederkehr einer Idee, die in der Vergangenheit schon mehrmals formuliert oder evtl. auch schon ausgearbeitet wurde (“Des hommä zwoä scho amol g’hobt, obä des is scho so lang her, des waaß kanner mär…”).
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Alkogenese: Entstehung einer Idee unter massivem Alkohol- und Nikotineinfluss. Manche behaupten, dass hierbei ausschließlich Bamberger Bier in Verbindung mit Zigarettenrauch die initiale Wirkung auslöst, aber es wurde auch mehrfach die Entstehung von Ideen unter anderen Einflüssen beobachtet, z.B. französischem oder italienischem Rotwein (Merlot bzw. Chianti), fränkischem Weißwein, Weizenbier und Caipirinha einerseits, und Pfeifenrauch andererseits. Noch nicht geklärt werden konnte bisher, ob der Alkohol hierbei kausale oder lediglich katalytische Wirkung ausübt. Die Formulierung einer alkogenen Idee wird meist mit folgenden Worten eingeleitet: “A Seidla geht scho noch – hat jemand an Stift dabei, ich hob do a Idee…”
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Chaotogenese: Entstehung der Idee unter völlig ungeklärten chaotischen Umständen, unter denen in jedem Fall die Entstehung von Ideen theoretisch nahezu ausgeschlossen ist. Vergleichbar mit der Genese erster Lebensformen aus der “Ursuppe”. Im Falle einer chaotogenen Idee ist das Stück meist schon fertig geschrieben, bevor die Idee im eigentlichen Sinne zur Existenz kommt (“Ich hob do a neu’s Stück mitgebracht, hod jemand a Idee, wie mär des aufführ’n könnt…?”).
2. Die Bearbeitung
Die Bearbeitung ist der maßgebliche Abschnitt im Entwicklungsprozess eines Stückes und bildet den gesamten Werdensabschnitt zwischen der → Idee und der → Inszenierung. Man unterscheidet verschiedene Bearbeitungsschritte, die im folgenden in ihrer logischen Abfolge erläutert werden:
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Affirmation (Akzeptanz): Nach der Vorstellung der Erstfassung des Stückes in der Gruppe bekundet diese zunächst ihre Akzeptanz wahlweise durch stillschweigende Hinnahme (“Ach ja, wo gehen wir denn eigentlich beim nächsten Stammtisch hin?”), undifferenzierte Anerkennung (“Naja…, hmmmmm…, net schlecht…”), zurückhaltende Komplimente (“Des is ja hinreißend…”), bedingungslose Zustimmung (“Super! Da dran brauch mär gar nix mehr ändern…”), oder einfach wildes, unartikuliertes Gelächter. In jedem Falle folgt dieser affirmativen Phase unmittelbar der nächste Schritt:
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Destruktion: Der zweite Bearbeitungsschritt hat durchwegs destruktiven Charakter und äußert sich in der Regel in einem mehr oder weniger umfassenden Veriss des Entwurfs. Die wesentlichen Argumente hierfür sind dabei meist die Dimensionen des Stückes (“Da müssen mindestens noch vier Seiten raus…”), dessen äußere Dokumentationsform (“Hätt’st des net loch’n und z’sammheft’n könna, so kommä des ja gor ned lesen.”), inszenierungstechnische Anforderungen (“Wo soll mär denn a gepiercta, vollbusiga Blondine mit Tätoos und am dezent gekleideten, seriösen Herrn herkrieg’n?”) oder in seltenen Fällen auch gezielte inhaltliche Aspekte (“Den Anfang und den Schluss müsst’ mär scho noch mol überarbeit’n, und des däzwischen is sowieso zu lang…”)
Je nach Art dieser anfänglichen Kritik beginnt dann die textliche Durcharbeitung des Stückes, die sich zeitlich zwischen weniger Wochen bis über einige Jahre hinziehen kann. Dabei lassen sich folgende Vorgehensweisen unterscheiden:
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Kürzung: Im Gegensatz zu natürlichen Organismen besitzt ein Kabarettstück unmittelbar nach der “Geburt” seine maximale Größe und erreicht im Laufe seiner Entwicklung nach zahlreichen Kürzungen allmählich die endgültige Länge. Im Durschnitt liegt diese bei 8-14% der ursprünglichen Form. Die Kürzung findet stets im Kabarettteam statt und nimmt oft wettbewerbsartigen Charakter an, indem jeder den anderen mit neuen Vorschlägen übertrumpfen möchte. Dies sei an einem Exempel demonstriert:
Ursprüngliche Fassung einer Textpassage:
Bankerin: (schaut von ihrer Akte auf) Kann ich Ihnen helfen?
Passant: Ja, äh, ich wollte eigentlich durch die City-Passage in die Franz-Ludwig-Straße…, bin ich da richtig?
Bankerin: Fast richtig – aber Sie sind hier in der Deutschen Hypothesen Sparkasse. Sie müssten jetzt wieder zurück und dann gleich rechts ‘rum, durch die Passage. Nach etwa 20 Metern kommen Sie automatisch in die Franz-Ludwig-Straße. Ganz einfach!
Passant: Ah, ja, vielen Dank. Ich bin erst vor ein paar Tagen hier nach Bamberg gezogen und kenn’ mich noch nicht so aus. Na ja, dann auf Wiedersehen! (Er dreht sich um und geht Richtung Ausgang)
Bankerin: (plötzlich mit arglistigem Bankerblick) Ach, Sie sind neu hier?…
Der Kürzungsprozess:
“Also, die Franz-Ludwig-Straße”, des sind ja 5 Silben! Pro-me-na-de wäre deutlich kürzer!”
“Oder Ga-bel-mann!”
“Wenn schon, dann Her-tie, der hat nur 2 Silben.”
“Warum net gleich ZOB?”
“Genau, ZOB is super!”
“Und die City-Passage, die könnt mär ja auch weglassen, ob die jemals gebaut wird…”
“Richtig, also schreib: ‘Ich wollte eigentlich zum ZOB’, okay?”
“Gut, und das ‘fast richtig, aber Sie sind hier…’ zieht sich ja soooo lang, des Wort ‘aber’ könnt mär streichen.”
“Die Wörter ‘fast richtig’ eigentlich auch.”
“Warum so umständlich: wir schreiben ‘Nein, Sie sind hier…’, und die Wegbeschreibung lass mär ganz weg.”
“UNd eigentlich merkt ja die Bankerin, dass der Passant neu in Bamberg ist, wenn er nach dem Weg fragt. Des braucht der ihr doch gar ned erst erklären?!”
“Genau. Und der arglistige Blick, der hält fei bei der Aufführung ganz schön auf, muss denn der sein?”
“Eigentlich ned.”
“Genau, den streich’ mär auch. Und wenn die Bankerin am Anfang von ihrer Akte aufschaut, des muss auch schnell gehen. Sie darf höchstens ganz kurz aufschauen.”
“Gut, also, jetzt heißt des so:”
Das Resultat:
Bankerin: (schaut kurz von ihrer Akte auf) Kann ich Ihnen helfen?
Passant: Ja, äh, ich wollte eigentlich zum ZOB…, bin ich da richtig?
Bankerin: Nein, Sie sind hier in der Deutschen Hypothesen Sparkasse. Sie sind wohl neu hier in Bamberg?
Die Klimax:
“Könnt mär ned auch noch die Deutsche Hypothesen Sparkasse als ‘DHS’ abkürzen?” usw.
- Erweiterung: Im Gegenteil zur → Kürzung wird die Erweiterung eines Stückes nie in der Gruppe vollzogen, sondern stets von einzelnen Individuen zuhause. Meist findet die Erweiterung auch in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur Aufführung des Stückes statt, so dass eine anschließende Kürzung aus Zeitmangel unterbleibt. Im Extremfall wird die Erweiterung sogar in Form einer nichtkonzentrierten Einzelaktion direkt während des Auftritts auf der Bühne ausgeführt. Einen Sonderfall der in der Regel textlichen Erweiterung bildet die programmatische Erweiterung. Hier kann es zu dem kurzfristigen Einschub eines völlig neuen Stückes in ein bereits vollständiges Aufführungsprogramm kommen: “Also, passt auf, heut schieb mär vor der Pause noch a Stück nei, des ich gestern Abend noch schnell geschrieben hab’…”
- Konversion: Hierunter wird die völlige, textliche, inhaltliche oder formelle Umwandlung eines Entwurfs oder sogar der ursprünglichen → Idee verstanden. – Als Beispiel soll ein Stück dienen, das ursprünglich als eine kabarettistische Betrachtung des Problemkomplexes “politische Geiselnahme” angelegt war und aus einem 5-strophigen Liedtext bestand. Dieses wurde dann zunächst in eine sarkastische Persiflage von einfach strukturierten TV-Bildungsprogrammen für Kleinkinder (Teletubbies) und dann in einen zynischen Affront gegen demenzkranke Senioren (Coregatubbies) konvertiert. – Das Stück kam schließlich unter dem Titel “Arme Würstchen” als klassischer 3-Akter mit der 7-fachen Länge des ursprünglichen Entwurfs (→ Erweiterung) auf die Bühne und beinhaltete eine diffuse Kritik an kommerzialisierten Fernsehprogrammen und Merchandising-Strategien.
3. Die Inszenierung
Die Inszenierung bildet den Abschluss der vorherigen Bearbeitung. Diese Phase läuft meist wenige Wochen oder Tage vor der Aufführung ab. Der erste Schritt wird in der Rollenverteilung vollzogen, gefolgt von den Einzelproben und schließlich der Generalprobe.
- Rollenverteilung: Um die Rollen für die Besetzung eines Stückes festzulegen, werden zunächst mehrere Probelesungen mit verschiedenen Akteuren vorgenommen. Dabei trägt die geschlechtliche Zuordnung einer Rolle nur eine untergeordnete Bedeutung und mündet oft in eine partielle → Konversion des Stückes (“Ich find’, der A. passt viel besser in die Rolle von der X., mach mär halt an Mann draus”). - Nach diesem Casting wird in einer basisdemokratischen Abstimmung über die optimale Eignung der verschiedenen Aspiranten befunden. Nicht selten finden später die Proben mit den hierbei selektierten Personen statt. Die endgültige Zuteilung einer Rolle bei der Aufführung ist jedoch nicht zwingend abhängig von der Besetzung während der Proben.
- Einzelproben: In dieser konzentriertesten Phase werden die zum Programm gehörigen Stücke in zahlreichen Proben an verschiedenen Orten eingeübt. Diese Vorgehensweise dient dazu, die Akteure unter extrem wechselnden Umfeldbedingungen optimal zu konditionieren und für die Aufführung stressbeständig zu machen. Deshalb weisen die Örtlichkeiten bei den Proben immer eine möglichst geringe Ähnlichkeit mit der für die Aufführung vorgesehene Bühne auf. – Während der Proben finden zusätzlich noch zahlreiche textliche Abänderungen statt. Gleichzeitig ergänzt sich die Ausstattung und die technische Umsetzung (Bühnenbild, Musik, Beleuchtung) ständig. Die endgültige Festlegung von Rollen, Requisiten und Bühnentechnik erfolgt unmittelbar vor oder während der → Generalprobe.
- Generalprobe: Die für die Aufführung einzig maßgebende Probe. Hierbei werden die letzten Änderungen im Programmablauf (programmatische → Erweiterung), Texten (→ Kürzung), Staffage und Bühnentechnik vorgenommen und die endgültige → Rollenverteilung festgelegt. Die Gummibärchen werden während der Generalprobe durch Valiumtabletten ausgetauscht, um einen geordneten Ablauf zu ermöglichen.





