Kabarettistische Vorhersagen
Wie die Wirklichkeit uns immer wieder schneller einholt als uns lieb ist von Christa Dumrauf
Das Kabarett lebt davon, Dinge des alltäglichen Lebens in überzeichneter Form und oft eher schwärzlich darzustellen. Ein besonderes Anliegen ist es uns, den Trend der Zeit zu erfassen, die Gefahren für mögliche zukünftige Entwicklungen zu erkennen, und diese dann in unserer altbekannten spitzigen Art auf’s Tablett zu bringen. Richtig grässlich wird es jedoch dann, wenn sich unsere schwärzesten Befürchtungen bewahrheiten, denn DAS hatten wir eigentlich nicht gewollt. Diese Erfahrung widerfuhr uns in der Vergangenheit bereits ein paar Mal und manchmal möchte man meinen, wir hätten es herbeigerufen…
Eines unserer Stücke (“Der letzte Wille” aus dem Programm “Schwarz aber schmerzlich”) handelte von der Idee, menschliche Körper nach dem Ableben einer Wiederverwertung zuzuführen und somit auch dem Umweltgedanken Rechnung zu tragen. Da wurden künstliche Hüftgelenke, Plastikprothesen, Alkoholikerlebern und Amalgamzähne fachgerecht getrennt und im Schwarzen Sack entsorgt.
Was im Jahre 1998 aus einer kabarettistischen Idee entsprang, wurde drei Jahre später in Schweden Wirklichkeit. “Leichen zu Humus”, so lautete die Überschrift im Spiegel 26/2001. Darin wird berichtet, dass Schweden womöglich das erste Land der Welt sein werde, in dem Verstorbene nicht nur begraben oder verbrannt, sondern auch umweltfreundlich kompostiert werden könnten.
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Der zweite Volltreffer gelang uns im Programm “Lach- und Sachgeschichten” (mit der Szene “Börsendämmerung”) mit der schrecklichen Vorstellung für alle eingefleischten Bamberger BürgerInnen, BiertrinkerInnen oder Börsenhaie und – heidis, dass alle Lebenszentren unseres Weltkulturerbes dem Börsenfieber zum Opfer fallen: So wird nicht nur die Vielfalt der unterschiedlichen Biersorten in unserem gesegneten Landstrich durch den Zusammenschluss aller Bamberger Brauereinen in einer Aktiengesellschaft eliminiert, nein, auch die Stadt Bamberg selbst wird zur AG.
Der Stadtrat wird durch einen Aufsichtsrat ersetzt, die Aktie boomt in Japan, und damit droht der schwarzen Erzdomäne sogar “a Gelber als Oberbürgermeister”. Das Konstrukt wird im weiteren Verlauf dadurch getoppt, das unser fränkisches Rom von einer Investorengruppe aus der Erzrivalenstadt Bayreuth in einer feindlichen Übernahme geschluckt wird. Lewandowski, der alte Verräter, wird Generalintendant der Bayreuther Festspiele, aber “des Bier konnst jetzt nimmer schluck’n…”
Die Stadt Würzburg hat sich unserer Vision angeschlossen und 2002 eine Würzburg AG gegründet. Der Slogan: “Demnächst auch in Ihrer Stadt” ? - Wir wollen’s nicht hoffen! Aber wo bleibt unsere Provision für die marktgängige Idee?
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Das tägliche Geschehen im Weltkulturerbe Bamberg liefert uns immer wieder dankbaren Stoff für abstruse Szenarien. Bereits 2001 sinnierte der Stadtrat darüber, wie man am Ortseingang von Bamberg auf Schönheit und Mannigfaltigkeit der romantischen Metropole hinweisen könnte. Diese Diskussion wurde von uns dankbar aufgegriffen und in dem Stück “Schildbürgerstreich” (“Programm nach Wahl”) verwurstet.
Blöff III. (Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen sind nicht undenkbar) bekommt den Auftrag, ein würdiges Ortsschild zu kreieren. Dafür trägt jeder, der sich dazu berufen fühlt (von der Stadträtin über den Citymanager bis hin zur Humsera) dem Künstler seine Erwartungen vor, was auf dem Schild zu stehen habe: Weltkulturerbe – Universitätsstadt – Nabel der Welt – Domreiterstadt – Erzdiözese – Landesgartenschaustadt – Bamberg – Unesco – Rauchbierstadt und Gärtnerstadt.
Am Ortseingang soll aber ein Schild und keine Plakatwand stehen. Aber Blöff III. findet doch noch einen Weg, um sich aus dieser verzwickten Lage zu befreien: Er kommt schließlich auf die Idee, von jedem Begriff nur den Anfangsbuchstaben zu verwenden (sprich: “WUNDELBURG“).
Nicht so der Oberbürgermeister nebst Baureferent Strauß: Sie präsentierten in der Bamberger Tagespresse sechs Wochen nach unserer Premiere das neue Ortsplakat, und sich stolz daneben. Im FT vom 29.05.2002 heißt es dazu: Das Schild … trägt den SChriftzug “Bamberg grüßt seine Gäste”, darunter in großen Lettern “Weltkulturerbe”. Links ist das Weltkulturerbe der UNESCO, rechts das neue Stadtlogo platziert… Ende 2001 waren die Ortseingangsschilder mit dem Hinweis “Universitätsstadt” versehen worden. Die Absicht der Stadt, dort beide Prädikate unterzubringen, hatte sich nicht verwirklichen lassen.
Eine dramatische Schlusspointe dieser Episode ereignete sich am 25.06.2002. Bei dem Versuch im Zentrum der Altstadt das Prädikat “Zierde Europas….” in mannshohen Buchstaben zur Schau zu stellen, gingen die Bamebrger Pläne in Rauch und Flammen auf. Gott-sei-Dank war diese makabere Lösung in unserem Sketch nicht vorhergesehen worden.
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Dem deutschen Gesundheitswesen widmet sich das Stück “Zweite Wahl” aus dem selben Programm. Die Autorin der Szene, selbst im Gesundheitswesen tätig, griff darin die Fehler im maroden System auf. Sie textete im Frühjahr 2002 das Lied “Gesundheitswesen und so…”:
In dem Gesundheitswesen kannst Du längst verwesen, bevor sich irgendwas tut. Willst auf den Arzt Du warten, hast Du schlechte Karten, vielleicht wird’s von allein’ wieder gut.
Wie schnell sie selbst davon betroffen sein würde, wussten wir damals alle noch nicht. Etwa vier Wochen nach der Aufführung stürzte sie und begab sich daraufhin in ein Krankenhaus. Man passte ihr eine Halskrause an, beobachtete sie 24 Stunden und entließ sie wieder. Wenige Tage später klagte sie erneut über Kopfschmerzen in eben diesem Krankenhaus, man schickte sie mit ein wenig höher gezogener Halskrause und Schmerztabletten nach Hause.
Ihr Lied ging noch weiter:
Hast Du ‘nen Schlaganfall, dann frag Dich doch einmal: Kriegst Du das nicht alleine hin?
Sie wurde von der Wirklichkeit eingeholt, hatte jetzt tatsächlich so etwas Ähnliches wie einen Schlaganfall, und man hat in o.g. Krankenhaus (aus Kosten- oder Zeitgründen?) eine sichere Diagnose nicht durchgeführt. Dies wurde ihr beinahe zum Verhängnis, und wir können froh sein, dass sie heute wieder wohlauf ist. Aber Ärzte machen keine Fehler, nur Kunstfehler: kommt das davon, weil sie Künstler sind? Oder wie oder was??? Hier verging selbst uns das Lachen.
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Zu guter Letzt’ noch eine kurze Stellungnahme in eigener Sache:
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Die Äh-Werker sprechen sich schon heute von jeglicher Mitschuld frei, sollte eines Tages doch das Atrium unter dem Multikomplexkino zusammenbrechen.
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Auch können wir nichts dafür, sollten die Symphoniker nach der Übernahme der Stadt Bamberg AG zum Wagnerhügel in Bayreuth abgezogen werden.
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Die Corregatubbies waren auch nur so eine Idee… also, sollten sie mal im Fernsehen erscheinen: wir lehnen jede Verantwortung ab.
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Wenn eines Tages, als Maßnahme gegen die ständig sinkenden Wahlbeteiligungsquoten, die Wahlstimmeneinzugsermächtigung eingeführt wir, möchten wir als Urheber dieser guten Idee wenigstens erwähnt werden.





